Fachinformation
17.07.2026 Region Bayernweit, Klimaschutz, Der Paritätische

Hitzewellen bringen soziale Einrichtungen an ihre Grenzen – Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage

2.871 soziale Einrichtungen berichten von massiven Belastungen durch die Hitzewelle Ende Juni 2026. Die Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage des Paritätischen Gesamtverbandes zeigen: Hitzewellen gefährden die Gesundheit von betreuten Menschen und Beschäftigten, bringen Einrichtungen organisatorisch an ihre Grenzen und offenbaren erhebliche Defizite beim Hitzeschutz. Der Paritätische fordert deshalb ein bundesweites Sofortprogramm für den Hitzesommer 2026.

Soziale Einrichtungen sind massiv betroffen

An der Umfrage beteiligten sich bundesweit 2.871 Einrichtungen aus nahezu allen Bereichen der Sozialen Arbeit – darunter Pflegeeinrichtungen, Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, ambulante Dienste, Kindertagesbetreuung, Kinder- und Jugendhilfe, Beratungsstellen sowie weitere soziale Dienste.

82 Prozent der Einrichtungen geben an, von der Hitzewelle Ende Juni stark oder sehr stark betroffen gewesen zu sein. Besonders betroffen sind die betreuten Menschen, die Beschäftigten sowie die Gebäude. Mehr als 1.600 Freitextantworten zeigen, dass viele Einrichtungen nur noch durch großen persönlichen Einsatz und Improvisation in der Lage waren, ihre Angebote aufrechtzuerhalten.

Gesundheitliche Folgen nehmen deutlich zu

Die Umfrage macht deutlich, dass Hitze erhebliche gesundheitliche Folgen für besonders schutzbedürftige Menschen hat. 83,2 Prozent der Einrichtungen berichten von Erschöpfung und Kreislaufproblemen, 67,9 Prozent von Konzentrationsproblemen und 56,6 Prozent von Schlafstörungen. Fast jede zweite Einrichtung beobachtet zunehmende Unruhe, mehr als jede vierte eine Zunahme aggressiven Verhaltens.

In den offenen Antworten berichten Einrichtungen von einem deutlich erhöhten Betreuungsaufwand, psychischen Krisen, Notarzteinsätzen und Krankenhausaufenthalten. Mehrere Einrichtungen schildern sogar hitzebedingte Todesfälle. Besonders betroffen sind ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Kinder sowie Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Mitarbeitende arbeiten am Limit

Auch die Beschäftigten geraten zunehmend an ihre Belastungsgrenzen. Fast 90 Prozent der Einrichtungen berichten von Erschöpfung der Mitarbeitenden, 86,7 Prozent von einer höheren körperlichen Belastung und 82,5 Prozent von Konzentrationsproblemen.

Die offenen Rückmeldungen zeigen, dass während Hitzeperioden der Arbeitsaufwand erheblich steigt. Mitarbeitende müssen zusätzlich Getränke verteilen, Trinkmengen dokumentieren, gefährdete Menschen engmaschiger beobachten und Tagesabläufe anpassen – häufig unter extremen Bedingungen in überhitzten Gebäuden. Besonders belastet sind Hauswirtschafts- und Küchenkräfte sowie Mitarbeitende ambulanter Dienste, die während ihrer Einsätze oftmals ohne ausreichenden Hitzeschutz unterwegs sind.

Gebäude sind nicht auf den Klimawandel vorbereitet

Die Umfrage zeigt erhebliche Defizite bei der baulichen und technischen Ausstattung sozialer Einrichtungen. Zwar verfügen 55,9 Prozent über Sonnenschutzmaßnahmen, doch nur 20,7 Prozent über Klimaanlagen oder vergleichbare Kühlmöglichkeiten. Lediglich 29,3 Prozent haben einen Hitzeschutzplan.

Viele Einrichtungen berichten von Raumtemperaturen zwischen 30 und 40 Grad Celsius, fehlender Außenverschattung und Gebäuden, die sich über Tage aufheizen und nachts kaum abkühlen. Selbst Ventilatoren oder nächtliches Lüften reichen häufig nicht mehr aus.

Organisatorische Grenzen werden erreicht

Die Auswirkungen der Hitze beschränken sich nicht auf gesundheitliche Belastungen. Einrichtungen müssen Angebote einschränken, Veranstaltungen absagen und Betreuungsabläufe anpassen. Gleichzeitig stehen sie vor schwierigen Entscheidungskonflikten: Einerseits müssen Beschäftigte vor den gesundheitlichen Folgen extremer Hitze geschützt werden, andererseits müssen gesetzliche Betreuungs- und Aufsichtspflichten erfüllt werden. 

Einrichtungen brauchen Investitionen statt Improvisation

Die Ergebnisse machen deutlich, dass organisatorische Maßnahmen allein nicht mehr ausreichen. 86,3 Prozent der Einrichtungen sehen moderne Kühltechnik als wichtigste Unterstützungsmaßnahme. 56,8 Prozent fordern Investitionen in bauliche Maßnahmen wie Verschattung oder Dämmung, 54,4 Prozent zusätzliche finanzielle Förderung und knapp ein Drittel verbindliche Hitzeschutzkonzepte.

Viele Einrichtungen berichten, dass notwendige Investitionen aus eigenen Mitteln nicht finanzierbar sind und sie deshalb dauerhaft improvisieren müssen.

Paritätische Forderungen zum Hitzeschutz

Die Umfrage zeigt deutlich: Hitzeschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Der Paritätische Gesamtverband fordert deshalb ein bundesweites Sofortprogramm für den Hitzesommer 2026.

Ein nationaler Hitzekrisenstab soll Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdienstes künftig in verbindliche Schutzmaßnahmen überführen und Bund, Länder und Kommunen während Hitzeperioden koordinieren.

Ein bundesweiter Hitzenotfallfonds muss Kommunen, sozialen Einrichtungen, Krankenhäusern und Hilfsorganisationen unbürokratisch dabei unterstützen, Kühltechnik, Verschattung, Trinkwasserversorgung und zusätzliche Personalressourcen zu finanzieren.

Besonders gefährdete Menschen und systemrelevante Einrichtungen müssen gezielt geschützt werden. Dazu gehören aufsuchende Hilfen, Telefonketten, Hitzepatenschaften, mobile Unterstützungsteams und klimatisierte Schutzräume ebenso wie eine bessere personelle und finanzielle Ausstattung sozialer Einrichtungen.

Jetzt handeln

Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts sind bis zur Kalenderwoche 26 bereits rund 5.120 Menschen an den Folgen extremer Hitze gestorben. Die heißesten Wochen des Jahres können noch bevorstehen.

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen: Die Hitzekrise ist längst im Alltag sozialer Einrichtungen angekommen. Ohne kurzfristige Unterstützung und langfristige Investitionen drohen weitere Überlastung, Versorgungslücken und vermeidbare gesundheitliche Schäden. Bund, Länder und Kommunen müssen jetzt handeln, um besonders gefährdete Menschen zu schützen und die soziale Infrastruktur widerstandsfähig gegen die Folgen der Klimakrise zu machen.

Region Bayernweit, Klimaschutz, Der Paritätische
Quelle: Paritätischer Wohlfahrtsverband Gesamtverband e.V.